RedeÜberWege

Reflexion und die zweite Staffel

Freitag, den 01.01.2021

Ich saß in meiner neuen Wohnung. Frisch gestrichene Wände, der kühle Frühlingsduft schwebte leicht durchs Fenster hinein. Ich hatte die Balkontür leicht geöffnet und ein Sonnenstrahl schmiegte sich sanft durch den schmalen Spalt zwischen Holzboden und Balkonfliesen. Ich fühlte mich leer und gleichzeitig so lebendig wie noch nie. In den Medien wurde berichtete von einem Virus, der sich langsam, aber sicher ausbreitete und nun auch Europa, ja Deutschland erreichte. Also blieben wir zuhause. In unseren vier Wänden. Doch meine vier Wände sollten erst jetzt zu meinen vier Wände werden. Ungewöhnlich still war es um mich herum. Ich hörte lediglich den Straßenlärm abgedämpft zu mir hoch dringen. Nichts und gleichzeitig so viel lag vor mir. Und mit dabei die ganz großen Fragen des Lebens. Ich war planlos, wusste nicht wohin mit mir und mich plagte das Gefühl damit allein zu sein. Dass dies nicht im Geringsten der Fall war, sollte ich bald erfahren.

Es war noch nicht so lange her, dass ich aus Amerika wiederkam und noch nicht lange her, dass ich in Berlin ankam. Alles war neu und gleichzeitig so gewohnt. Ich wusste noch nicht, wo mich dieses Jahr hinbringen sollte. Wenige Wochen später, wir alle hatten uns an die Lage schon mehr gewöhnt, fing mein Studium an. Ein Studium ohne, dass man jemanden sah. Ohne, dass man jemanden kennenlernen konnte. Ohne Partys und ohne Bibliothek. Ohne vollgestopfte Hörsäle und planloses rum Gerenne, da man den Raum nicht fand. Ich saß allein dort. Alle kannten sich schon besser aus und mein Laptop und ich – wir sollten nun erstmal allein klarkommen. Doch das kamen wir nicht. Das Sommersemester sei immer anders, sagte man mir, doch niemand sprach mit mir. Alle wussten, was sie zu tun hatten und niemand konnte mir helfen. Es entstanden keine Ersti-Gruppen und keine Einführungsveranstaltungen. Alle waren überfordert und niemand schien zu merken, dass ich da war. Ich fühlte mich selten so verloren, wie in dieser Zeit. Wusste nicht wohin mit mir, mit meinen Gedanken, mit meinen Wünschen, mit meinen Ideen für die Zukunft. Alles was vor mir lag, lag im Dunkeln. Ich wusste nicht, wo ich hingehörte und was mein Sinn war. Ich fühlte mich nicht durchgängig traurig, auch nicht wütend oder verletzt. Ich fühlte mich verloren und mehr als das – als hätte man mir jeglichen Boden unter den Füßen weggezogen und mich fallen lassen. Ich war nicht ängstlich, ich war unsichtbar. Wurde weder gehört noch gesehen, zurückgelassen als nutzlos. Ich wusste mir nicht zu helfen. Es war nicht so, dass mir eines Tages eine Idee kam und ich wieder Licht sah. Die Idee setzte sich langsam in meinen Kopf und wuchs, bis ich sie irgendwann ganz leise aus der hintersten Ecke flüstern hörte:

du bist nicht allein, Menschen vor dir, haben es auch schon geschafft.

Ich rief meine Eltern an: Wie habt ihr euch gefühlt als ihr 19 wart? Wir haben schon oft über ihre Vergangenheit gesprochen, ich wusste schon viel, doch auf einmal kam immer mehr dazu: Mein Vater wie er sich wahnsinnig verloren fühlte, verzweifelte, weil er doch so gerne Architektur studieren wollte und sich so sehr anstrengte gut zu sein und es trotzdem nie so richtig funktionierte. Meine Mutter, die nichts mehr wollte als etwas zu finden, dass ihr Spaß brachte. Germanistik fing sie erst im zweiten Semester als Nebenfach an. So weh taten die Suchen. So verzweifelt. Und auf einmal, zum ersten Mal seit Wochen, vielleicht seit Monaten fühlte ich mich verstanden. Ich fühlte mich in meiner Gefühlswelt nicht mehr so allein gelassen und ich wusste: von diesem Gefühl möchte ich mehr. Und so fing ich an Menschen zu interviewen. Sie darum zu bitten mit mir zu sprechen. Und all die Gespräche öffneten mir meine Augen, meine Ohren – ja, meine ganze Gefühlswelt. Denn die Wahrheit ist: niemand hat die eine Bedienungsanleitung fürs Leben. Wir werden alle hier reingeschmissen – natürlich mit gewissen Begabungen, mit einer gewissen Umwelt – aber trotzdem völlig frei und sich zu orientieren bedeutet Augen und Ohren offen zu halten, nach links, rechts, oben und unten zu schauen, nicht zu verzweifeln und sich nicht immer so viele Sorgen zu machen. Den einen Plan, den einen Weg, das eine Ziel gibt es nicht und das ist auch gut so.

Nun geht mein Podcast in die zweite Runde und ich freue mich auf viele weitere inspirierende Gespräche und hoffentlich ganz viel Feedback :D